Rettet die Bildung! (Uni-Bielefeld)

Die "Bildungs-RetterInnen" kämpfen für eine freie Lebensgestaltung und ein freies Studium für alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Hautfarbe, ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Orientierung.

Papa, was für einen Schulabschluss hast du denn?

21. März 2006, 15:24 in Materialien

Im Jahr 2002 zeigten sich in einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) folgende Ergebnisse:

Von 100 Kindern, deren Väter einen Hauptschulabschluss absolvierten, erreichten nur 37 das Gymnasium (37%). Von 100 Vätern, die über eine Hochschulreife verfügen, wurden mit 84 mehr als doppelt so viele Kinder (84%) zur gymnasialen Oberschule geschickt.
Kinder, deren Eltern beide Arbeiter sind, haben mit Abstand die geringsten Chancen die Schwelle zu den Klassen 11-13 zu überwinden (20%). Beamtenkinder hingegen haben eine Chance von 84%!

Und wo steht Ihr Kind?
und wo steht ihr Kind?

*Auch von der beruflichen Stellung des Vaters sind die Bildungschancen der Kinder abhängig:*So besuchten mehr als drei Viertel der Kinder von Beamten 2002 die gymnasiale Oberstufe, Kinder von Angestellten und Selbstständigen zu etwa 60 .
Mit nur einem Drittel liegen die Chancen von Arbeiterkindern deutlich darunter.

„Von den Kindern, deren Vater eine Hochschulreife erworben hat, nehmen 84 ein Hochschulstudium auf (…). Nur ein Drittel so hoch (27%) ist dieser Anteil unter den Kindern, deren Vater einen Realschulabschluss hat. Noch geringer sind die Chancen auf ein Hochschulstudium für Kinder von Vätern, die maximal das Zeugnis einer Hauptschule besitzen: Mit 21% ist ihre Bildungsbeteiligung nur ein Viertel so groß wie die der Kinder von Vätern mit Hochschulreife.“
(S.8, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2003, BMBF)

„Im Ergebnis einer wiederholten Selektion an den verschiedenen Bildungsschwellen war im Jahr 2000 die Chance, ein Hochschulstudium aufzunehmen, für Kinder der Herkunftsgruppe „hoch“ mehr als sieben mal ( 7,4-fach) größer als für Kinder der Herkunftsgruppe „niedrig“ (81% vs. 11%).“
(S.9, Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland 2003, BMBF)

Seit den 80er Jahren ist der Anteil der Studierenden aus der Herkunftsgruppe „hoch“ (Beamte, Selbstständige, Angestellte) kontinuierlich steigend, während hingegen der Prozentsatz Studierender aus den unteren beiden Herkunftsgruppen kontinuierlich sinkt.

Die Ungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem wird durch Studiengebühren weiter verschärft. Die Kaufkraft des Einzelnen bestimmt seine Bildungs- und Aufstiegschancen. Geringverdienende benötigen länger um entstehende Kredite zu tilgen und zahlen aufgrund der zusätzlichen Zinslast sogar mehr als die finanziell besser gestellten Studierenden.

!Dieses Flugblatt kann von jedem benutzt werden, um Eltern über die Bildungssituation ihres Kindes aufzuklären. Während der Kinder-Uni in Bielefeld verteilen es die Protest-Camper regelmäßig! Es wird empfohlen Grafiken bzw. Statistiken zur Untermalung hinzuzufügen.

  1. Ganz schön mutig von Euch, hier auf die erbliche Komponente der Intelligenz hinzuweisen.


    — Frank    21 März 2006, 22:07    #
  2. Nunja, aus einer Psychologievorlesung weis ich, dass Intelligenz zwar durchaus vererbbar ist. Allerdings ist der genetische Teil der Intelligenz nicht so ausschlaggebend wie du hier propagieren möchtest.
    Sehr wichtig ist nämlich die Umgebung in der sich die Person entwickelt. So kann ein Genie schnell verkümmern und ein Dummkopf doch eträgliche Leistungen erbringen.
    Dass die Arbeiterkinder allesamt dumm sind ist daher eine Behauptung die nicht richtig ist.
    Allerdings ist es auch nicht zu leugnen, dass die durschnittliche Intelligenz bei Arbeitern deutlich unter der höherer Schichten liegt.
    Dies liegt aber m.A. nicht an der genetischen sondern mehr an der sozialen Komopenente.
    Aber wie auch immer, weit wichtiger als Intelligenz, sind die privaten Möglichkeiten die einem Menschen während seiner Ausbildung zur Verfügung stehen. So wird es ein noch so intelligenter Mensch schwer haben, Geometrie zu erlernen, wenn er sich nicht einmal ein Geodreick und anständige Bleistifte leisten kann.
    Klar, das sind nur Kleinigkeiten, aber es gibt wirklich Familien, in denen das Geld selbst für solche Sachen fehlt. Außerdem kommt da ja noch viel, viel mehr zusammen. Da sind Schulbücher zu kaufen, Busfahrkarten, Hefte, Füller, Taschenrechner etc. pp.
    Ein Computer oder gar eine Brockhaus Enzyklopädie steht auch nicht in jedem Haushalt zur Verfügung.
    Aber selbst wenn man von der materiellen Komponente absieht ist da immer noch die Menschliche. Die Kinder haben einfach keine Bezugspersonen an die sie sich wenden können. Kaum ein Arbeiter wird in der Lage sein seinem Kind Trigonometrie oder gar Rechtschreibregeln zu erklären und das Geld für Nachhilfe fehlt dann auch wieder, oder wird die schulische Bildung vielleicht gar nicht so wichtig angesehen, dass man dafür Geld ausgeben würde.
    Was auch wieder nicht zu vernachlässigen ist, ist die fehlende Motivation. Kinder haben (ob bewusst oder unterbewusst) ihre Eltern immer als Vorbilder. Sehr motivierend für die nächste Klausur zu lernen ist es nicht, wenn man seine Eltern, ausgelaugt von der Arbeit, vor dem Fernsehrer gammeln sieht.


    — /me    21 März 2006, 22:57    #
  3. Vorausgesetzt, man glaubt an Intelligenztests.


    — void    22 März 2006, 05:41    #
  4. “Ganz schön mutig von Euch, hier auf die erbliche Komponente der Intelligenz hinzuweisen.”

    Warum ist es mutig, Fakten zu nennen?
    Das nur am Rande!

    Bevor wieder irdendwelche Flugblätter zu “Kinder-Uni-Zeiten” verteilt werden, erwarte ich eigentlich ersteinmal eine Entschuldigung für das erste Flugblatt, in dem Prof. Timmermann mit einem Drogendealer verglichen wurde, und das direkt an die Kinder verteilt wurde. Aber immerhin wurde dieses Flugblatt schon mal unterschrieben. Man steigert sich!


    — Thomas    22 März 2006, 10:35    #
  5. In dem Flugblatt steht nichts von “erblicher Komponente der Intelligenz”... es wird vielmehr auf die Entwicklungschancen in der Gesellschaftsstruktur, abhängig von der sozialen Herkunft, hingewiesen.

    Die “Erblichkeit von Intelligenz” (wie auch die “Erblichkeit” etlicher anderer menschlicher Entwicklungsmerkmale) ist ein beliebtes Thema in der neofaschistischen “Neuen Rechten” und ausschließlich rassistisch motiviert.

    Erst im März 2004 ist der “Humangenetiker” Volkmar Weiss bei einem stadtbekannten Bielefelder Neonazi-Verein aufgetreten, um über genau diese Thesen zu sprechen. Das ist ihm nicht ganz so gut gelungen, lustige Bilder gibt’s hier:

    http://de.indymedia.org/2004/03/76181.shtml


    T.    22 März 2006, 12:03    #
  6. Die Pisa-Studie belegt eindeutig, dass Kinder aus niedrigen sozialen Schichten deutlich geringere Aufstiegschancen haben, bei wohlgemerkt gleichen Fähigkeiten/gleicher Intelligenz.

    Eure Kommentare zu Veerbung könnt ihr euch sparen, darum gehts hier nicht.

    Der erste Satz enthält einen kleinen Fehler: “Von 100 Kindern erreichten nur 37 die gymnasiale Oberstufe” müsste es heissen.


    — jo    22 März 2006, 14:58    #
  7. Die Zahlen, die in dem aktuellen Kinder-Uni-Flyer aufgezeigt werden, beweisen eindeutig die bildungspolitische Vernachlässigung von Kindern, die in gering verdienenden Familien aufwachsen. Familien, die Eltern haben, für die das Wort Bildung nicht zählt, und die gibt es, werden nicht verstehen, warum ihr Kind einen Schuldenberg auftürmen sollte, um zu Studieren. Soweit sie überhaupt soweit kommen. Es ist schockierend, das ein junger Mensch von, sagen wir, sechzehn Jahren, durch seinen Schulabbruch die Zukunft seines späteren Kindes bestimmt. Denn genau das sagt das Flugblatt aus.


    — Jörg    22 März 2006, 21:52    #
  8. Also ich fand das Buch von Dr. Dr. Volker Weiss sehr interessant.


    — Volker    23 März 2006, 19:50    #
  9. @frank.
    radikal-anti-intellektualistischer positivismus-scheißdeck! hier geht es um soziale selektion nicht um irgendwelche blutslinien.
    sozialpsychologische experimente belegen, dass die lehrer eines gymnasiums klausuren prinzipiell besser bewerten, wenn ihnen erzählt wird die klausur sei von einem akademiker-kind geschrieben worden. in der kontrollgruppe wurde den lehrern erzählt die klausur wurde von einem Arbeiter-Kind geschrieben. Das ergebnis fiehl signifikant schlechter aus.


    — megame    25 März 2006, 10:13    #
  10. Das ist ja erschreckend. Besonders weil bei jeder Klausur und erst recht bei den Abitur-Prüfungen die Arbeitsverträge der Eltern vorgelegt werden müssen. Gerade in einem jahrzehntelang sozial-faschistischen Staat wie NRW … ;-)


    — Frank    25 März 2006, 22:30    #
  11. @Frank: ich weiß ja nicht, wie das an deiner Schule war, aber an allen mir bekannten sind die Lehrer u.a. aufgrund regelmäßiger Elternabende und Elterngespräche durchaus im Bilde, aus was für Verhältnissen die Kinder stammen, mit denen sie Tag für Tag zu tun haben.
    Insofern kannst du natürlich die von megame erwähnte sozialpsychologische Erkenntniss anzweifeln, dann aber bitte mit einer ordentlichen Begründung.


    — sh    26 März 2006, 01:44    #
  12. Zu den (mir bislang unbekannten) Ergebnissen der psychologischen Studie (Quellen anywhere? Würde mich interessieren!) kommt verstärkend hinzu, dass Kinder aus den sogenannten bildungsnahen Schichten eher Zugang zu Büchern und Computern haben, früher Freude am Lesen vermittelt bekommen und Eltern mit finanziell stärkerem Hintergrund sich Nachhilfe besser leisten können. Ist also kein rein psychologisches Problem der bösen Lehrer, sondern durchaus ein gesellschaftliches.


    Hokey    27 März 2006, 10:04    #
  13. schön, daß ihr das Rad mal wieder neu erfindet. In “Lernen in der Klassenschule” zeigt Johannes Beck bereits 1974, wie’s geht und in den Sozialerhebungen des Studentenwerks lassen sich diese Tendenzen auch für unsere Situation ganz gut nachvollziehen.

    Nimmt man sich allerdings die normativen Vorstellungen des Bielefelder Professors Hurrelmann (“Einführung in die Sozialisationstheorie”) zum Vorbild, muß man freilich das Rad ständig neu erfinden! ... gnadenlos!!!


    — carsten    27 März 2006, 11:42    #
  14. ”[...]
    Die Lehrerinnen und Lehrer versuchen zwar durchaus, die Leistungen der Schüler ‘objektiv’ zu bewerten, aber in ihr Urteil schleichen sich hinterrücks Kriterien ein, die sich unabhängig vom tatsächlichen Leistungsvermögen zu Lasten der Kinder aus den unteren Schichten auswirken. Ein interessantes Täuschungsexperiment illustriert plastisch die Vorurteile bei der Notengebung: Ein Aufsatz, der mit dem Hinweis versehen war, er sei von einem sprachbegabten Sohn eines Zeitungsredakteurs verfaßt worden, erhielt von 16% der Lehrer die Note ‘sehr gut’ und von 40% die Note ‘gut’. Spiegelte man dagegen den Lehrern vor, der Verfasser sei ein durchschnittlicher Schüler, der gern Schundhefte liest und dessen Eltern beide berufstätig, so wurde derselbe Aufsatz nicht ein einziges Mal mit ‘sehr gut’ und nur in 7% der Fälle mit ‘gut’ bewertet ( Weiss 1965).
    Auch die Lehrerempfehlungen für weiterführende Schulen sind mit schichtspezifischen Verzerrungen belastet: Sie orientieren sich nicht nur an den SChulnoten, sondern auch am Sozialstatus des Schülers. Die anschaulichen Daten, die Preuß (1970, 42) dazu im Jahre 1970 vorgelegt hat, werden durch neuere Untersuchungen bestätigt.
    [...]
    Zwischen dem Eignungsurteil der Lehrer für die weiterführende Bildungslaufbahn und der sozialen Herkunft besteht – unabhängig von der Schulleistung – ein Zusammenhang, dessen Stärke in verschiedenen Untersuchungen zwischen p = .13 und .19 schwankt.”
    Aus: Reiner Geißler, Soziale Schichtung und Lebenschancen in Deutschland, Stuttgart: Enke 1994, S.145

    Das ist auch keine Kritik an den “bösen” Lehrern – die nehmen diese verzerrte Bewertung ja nicht bewusst wahr – sondern nur ein Grund, warum Kinder aus den unteren Schichten tendenziell schlechtere Bildungs- und damit Lebenschancen haben.
    Dazu kommt natürlich auch, dass deren Eltern mit der Auswahl der Schule auch wesentlichen Einfluß auf die Bildungschancen der Kinder nehmen: “Bildungsbeflissene Mittelschichteltern schicken ihre Kinder z. T. auch gegen den Rat des Lehrers auf weiterführende Schulen, während Arbeitereltern ihre Kinder z. T. vom Gymnasium fernhalten, obwohl ein günstiges Lehrerurteil vorliegt.” (aaO, S. 146)


    — sh    27 März 2006, 16:52    #
  15. @sh
    Vielen Dank für die Literaturhinweise! Du scheinst ja gut aufgestellt, was das Thema angeht. ;-)


    Hokey    28 März 2006, 18:07    #
  16. Ach, “aufgestellt” trifft es nicht wirklich. Dazu müsste ich mich, glaube ich, länger und tiefergehend mit der Thematik beschäftigt haben.
    Den angegebenen Text gab es halt vorletztes Semester zur Sozialstrukturanalyse-Vorlesung und deswegen habe ich den auch so schnell wiedergefunden. ;-)


    — sh    28 März 2006, 21:24    #

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