Der lange Weg von A 3 nach B 3 (Neue Westfälische vom 18.02.06)
Am 17. Tag der Besetzung des Uni-Rektorats ist kein Ende in Sicht / Wasserpfeife statt Büroarbeit
von Elmar Kramer
Bielefeld. Ein paar Meter können Welten bedeuten. Auf der einen Seite des Zwischengangs ist das belagerte Rektorat der Universität: besetzt, bunt, mit zugeklebten Wänden; auf der anderen Seite die provisorische Unterkunft der Rektoratsmitarbeiter: karg, in Büros ohne Akten, mit Schreibtisch, Stuhl, Telefon und Computer. Tag 17 der Besetzung. Ein Annäherung im Streit um Studiengebühren ist nicht in Sicht, ein Ende erst recht nicht.
Die Glastür zum Rektorat ist zugeklebt, bunte Flatterbänder hängen herunter, ein Plakat mit Mauersteinen macht klar, dass es nicht weitergeht. Bastian Roloff (19) und Robert Bache (20) machen einen gelassenen Eindruck. Die beiden sitzen im Konferenzraum am Ende des 20 Meter langen Flurs, den an der Uni fast jeder unter dem Namen A 3 kennt. Sie sind zwei von 40 bis 50 Studenten, die von Anfang zu den Besetzern gehören.
Wo sonst Büroarbeit erledigt wird, Gespräche geführt und Entscheidungen getroffen werden, liegen Schlafsäcke, stehen Lebensmittel und ein paar Getränke. Im Besprechungsraum neben dem Zimmer von Rektor Dieter Timmermann sind Wandbilder umgedreht, am Tisch steht eine Wasserpfeife.
Offizielle Statements gibt es nicht, die müssen “basisdemokratisch beschlossen werden”, erklärt Geschichts- und Jura-Student Robert Bache. “Wenn das Rektorat dachte, es könnte das Problem aussitzen, hat es sich getäuscht”, findet Bache. “Für mich ist klar, dass wir weiter gewaltfreien Widerstand leisten wollen”, sagt Bastian Roloff.
An den Wänden zwischen den eigentlichen Büros von Rektor, Kanzler und anderen hängen Kopien, Flugblätter, Plakate. Bundesweit sorgt der Streit für Schlagzeilen, der Protest gegen drohende Gebühren führt zu Medienecho und Solidaritätsbekundungen von Kiel bis München. Der Einsatzwille scheint ungebrochen, trotz Klausurphase und vorlesungsfreier Zeit.
Neben A 3 kommt B 3. Nur durch Zufall, Urlaub und Umzüge waren Räume frei, in denen diejenigen arbeiten, die vertrieben wurden. So wie Gudrun Rehm aus dem Vorzimmer des Kanzlers Hans-Jürgen Simm. Arbeiten mit Telefon und Computer ist kein Problem, alles, was mit Akten zu tun hat, schon. Denn die wichtigen Materialien liegen ein paar Meter weiter.
Dass die Nerven blank liegen, ist offensichtlich. Am Donnerstag gab es – wie berichtet – das Handgemenge, als Rektoratsmitarbeiter morgens Akten aus A 3 holen wollten und festgehalten wurden. Beide Seiten behaupten, der jeweils andere sei zuerst handgreiflich geworden. Am Freitag dann die Aktion von Unbekannten in den Morgenstunden, als sie zwölf Türschlösser im Trakt B 3 so zuklebten, dass sie vom Schlosser ersetzt werden mussten. Die Uni erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Die Besetzer distanzierten sich, verwiesen auf ihren Verhaltenskodex mit Gewaltfreiheit und Absage an Beschädigungen.
Die Fronten sind verhärtet. Die Studenten Robert und Bastian sehen das “Vertrauen gebrochen” und keine Chance auf offizielle Gespräche, solange die Uni nicht Vorbedingungen wie die Veröffentlichung der Resolution auf der Uni-Homepage erfüllt. Das Rektorat will keine Polizei, sondern vernünftig ins Gespräch kommen, ohne dass die Situation eskaliert. Aber A 3 und B 3 finden nicht zueinander.
Quelle: Neue Westfälische vom 18.02.06

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Der beste Artikel zur Rektoratsbesetzung bisher (schön sachlich). Dickes Kompliment an den Verfasser!
— Jan Frederik 18 Februar 2006, 19:30 #
sehe ich auch so wie jan frederik. endlich ein um sachlichkeit bemühter beitrag, der der rektoratspropaganda auf die finger schaut und auf einseitige schuldzuweisungen verzichtet. sieht aus als würde unser angemessenes verhalten auf die provokationen der letzten tage sich ein bißchen bezahlt machen.
— T. 18 Februar 2006, 20:07 #
Denke ich auch, die ersten Artikel der NW waren ja recht parteiisch.
Habe noch nen schönes Zitat gefunden das ich loswerden möchte:
“Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt” Heinrich Heine – Reisebilder
— Nico 18 Februar 2006, 23:30 #
bei aller sachlichkeit des artikels an sich…
der titel macht musik und stärkt leider wahrscheinlich das bild einer “die 70er – revival”-aktion, das eh schon in vielen köpfen herrscht… :((
nicht nachgedacht von dem herrn oder um auflage bemüht??
traue keinem artikel, den du nicht selber verfasst hast…
schade, herr kramer!
— zoe 18 Februar 2006, 23:34 #
naja.. zoe hat recht. Sachlichkeit hin oder her, der Ton machts! und der ist durchaus ironisch und nicht positiv.
— Lisa 19 Februar 2006, 00:02 #
“Wer weiß, wie Gesetze und Würste zustande kommen, der kann nachts nicht mehr ruhig schlafen.” – Otto von Bismarck
*sprücheklopf
... selbes gilt auch für das Veröffentlichen von Zeitungsartikeln möchte ich wetten… *grummel
— zoe 19 Februar 2006, 01:52 #